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Postkartenpanorama

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25.4.2010 (k) Fuji-Stadt – Kawaguchiko
Unser 10-Stunden Internet-Nachtpaket läuft um 6.00 Uhr aus. Wir haben also zwangsläufig einmal einen frühen Start. Manchmal muss man zu seinem Glück gezwungen werden. Als ich ein Auge vor die Tür setze, erblicke ich ihn: Fuji! Die vor kurzem aufgegangene Sonne lässt seine verschneite Ostflanke erleuchten, keine Wolke zeigt sich am Himmel. Das erste Foto klickt: Stadthäuser mit Fuji dahinter. Die Luft ist kühl, aber angenehm, als wir losstrampeln, um dem Wahrzeichen Japans näher zu kommen. Hier im Süden ist noch alles dicht besiedelt. Industrie, Anbauflächen und die übliche urbane Pracht ziehen sich kilometerlang die Ausläufer des Vulkans hinauf. Die Straße steigt im Verlauf von 40 Kilometern fast ohne eine Kurve von nahe Null auf 1350m an. Dementsprechend schwer haben wir zu treten – man scheint nicht vom Fleck zu kommen, doch wir wissen ja, woran das liegt. Diese Art von Steigung, die wir am wenigsten mögen, haben wir heute den ganzen Tag zu bewältigen, doch das kann uns keineswegs trüben: wir haben einen gigantischen Tag erwischt! Stundenlang sehen wir den Berg neben uns in voller Pracht. Mal mit saftig grüner Wiese davor, mal mit Kirschblüten, mal mit Traubenhyazinthen, mal mit weichen Wolken, die sich für kurze Zeit wie ein Schal um seinen Hals legen, mal als Spiegelung im gefüllten Reisfeld. Das haben wir uns gewünscht und erhofft – wir sind sehr froh, dass der Wetterbericht stimmt und fühlen uns in unserer Entscheidung, gestern mit dem Zug bis hierher gebraust zu sein nur bestätigt. Angesichts der vielen Fotostopps und der Rampensteigung brauchen wir fast 6 Stunden bis wir auf 1100m eine Mittagspause einlegen. Eine Tourenradlerin mit Globetrottertaschen (è muss doch deutschsprachig sein, oder?) zieht zügig in etwas Entfernung vorbei. Kurz haben wir das Gefühl einer Erscheinung und glauben, Tina hat kurzfristig ihren Urlaub nach Japan verlegt – so ähnlich sieht sie aus. Als wir nach der Pause nach einigen letzten Kilometern bergauf einen Aussichtpunkt erreichen, haben wir sie wieder eingeholt und wir kommen ins Gespräch. Erika ist aus der Schweiz und wird für 5 Monate durch Japan radeln. Sie hat auch ein Zelt dabei, aber es bisher kaum benutzt, weil „seid ich in Japan bin, ist es kalt!“ Da sind wir ja Leidensgenossen. Wir quatschen noch einige Zeit und schießen Fotos mit Japanern, die hier heute zahlreich mit Rennrädern und kleinen Hightec-Klapprädern ausgeschwirrt sind. Als es uns endgültig zu kalt wird, stürzen wir uns gemeinsam in die Abfahrt. Erika fährt direkt nach Kawaguchiko, da sie dort eine Unterkunft gebucht hat. Wir biegen in die andere Richtung ab, um in dem Gebiet der 5 Seen noch ein wenig entlangzuradeln und zu sehen, wo wir heute campen werden. Gestern auf der Fähre nach Irago hat uns ein älterer Herr stolz die Ausschreibung zum Fuji-Marathon gezeigt, an dem er heute teilnehmen wird. 100 Kilometer wird er laufen, hat er gesagt. Es geht um alle fünf Seen. Unterdessen haben wir so viele Rennradler gesehen, dass wir uns gar nicht mehr sicher sind, ob es sich wirklich um einen Marathon handelt. Doch dann kommen sie uns nach der Abzweigung entgegen: egal ob im modernen Laufdress oder mit Hasenohren – alle gehen schon schwer. Sie schlurfen über den Asphalt, greifen die Orangen vom Verpflegungsposten, bleiben stehen, dehnen sich oder haben auf Gehen umgestellt. Die Rundenanzeige zeigt drei Kilometerstände, die an dieser Stelle erreicht sind – mittlerweile seien die Läufer bei 80. Wie kann man nur? Mir tut gleich alles weh, wenn ich in die Gesichter schaue. Manche finden noch die Kraft zu winken und zu grüßen, andere sind schon völlig in ihren Trott versunken oder versuchen sich an der Musik aus ihren Kopfhörern hochzuziehen. Da kommt die Zeit für meine Holz-Klatschhand, die uns die nette Dame auf Shikoku geschenkt hat. Ich krame sie hervor und feuere damit vom Fahrrad aus die Läufer an. Publikum ist so gut wie keines da – jeder scheint diese Tortur wohl in erster Linie für sich selbst zu durchleben. Wir befinden uns mittlerweile auf der Nordseite der Seen, von der man, vorausgesetzt es herrscht kein Wind, diese Postkartenaufnahme des Fuji machen kann, wenn er sich in seiner vollen Größe spiegelt. Heute zerzaust aber eine steife Brise die blaue Fläche und an eine Spiegelung ist nicht zu denken. Das wäre ja dann auch wirklich zu viel verlangt. Die Kirschen, die hier noch zahlreich blühen, liefern genügend Postkartenstoff. Zwischendurch schiebt sich ein Bergrücken zwischen uns und den Fuji, doch am Kawaguchiko See gibt er ihn wieder frei und man kann sich an diesem Klischeeanblick gar nicht sattsehen. Geil.
Angesichts der Tatsache, dass das Wetter vielleicht morgen schon wieder schlecht wird, beschließen wir, im Ort Kawaguchiko, wo auch Erika ihre Unterkunft hat, auf den Campingplatz zu gehen, damit wir im Falle des Regens wenigstens in Lokalitäten oder Onsen flüchten können. Langsam machen sich vor allem bei Molle die nur 3 Stunden Schlaf bemerkbar. Der Campingplatz ist sehr zentral – er scheint offen zu sein, aber doch sehen wir niemanden und alles sieht noch sehr verrammelt und ziemlich verlottert aus. Auch gut so, denken wir, dann stellen wir uns einfach nach dem Onsen hier auf. Als wir noch so überlegen, was wir nun tun, kommt ein Mann, der fragt, ob wir hier campen wollen und verweist uns ins „Office“-Häuschen, das wir zwar gesehen haben, von dem wir aber ausgingen, das es auch verschlossen – da dunkel – ist. Ich gehe hinein und treffe auf eine Frau hinterm Schreibtisch. Schon sehr lustig – in Japan sieht vieles, was offen ist, geschlossen aus, das ist uns schon öfter aufgefallen. Der Preis sei 1000 Yen für den Stellplatz und nochmals je 800 pro Person. Damit kämen wir umgerechnet auf gut 20 Euro, was wir grundsätzlich ja schon bereit sind für Campingplätze zu zahlen, doch nicht, wenn man gar nichts (nicht einmal Duschen) davon hat und eigentlich weniger attraktiv dasteht, als wenn man sich einfach irgendwo ans Ufer stellt. Wir beschließen, noch ein wenig weiterzusuchen, wobei ich den müden Molle im Café (ihr wisst schon, dieses, wo man die Trinkpauschale zahlt) absetze und ohne Gepäck noch zwei Campings, die in unserer Karte verzeichnet sind, abstrample. Einen finde ich schließlich einige Kilometer entfernt vom Ort in einem Wald. Auch hier ist nichts los, doch es sieht gepflegter aus. Die gute alte Dame an der Rezeption möchte dann allerdings für zwei Leute gerne 35 Euro kassieren, was mich lächelnd wieder abdrehen lässt. Wir sind wohl definitiv in einer Tourigegend. Ich klappere noch das Ufer ab. Hier gibt es einen schönen Park mit einem Steinpavillon, unter dem wir uns aufstellen könnten, doch es bläst ein eisiger, starker Wind vom See direkt aufs Ufer und dunkle Wolken quellen hinter den Bergen hervor. Gemütlich wird das sicher nicht, denke ich. Vor allem, weil es Molle sowieso schon ständig zu kalt ist. Auf dem Rückweg zum Café treffe ich Erika, die gerade einkaufen geht. Das „K’s House“ (eine Backpacker-Kette), in dem sie schläft sei wirklich sehr nett und gemütlich und ich beschließe, mal nach einem Zimmer zu fragen. Es gibt noch Schlafsaal oder ein privates Zimmer im japanischen Stil. Ich sehe mir beides an und treffe kurzerhand die Entscheidung, dass wir uns heute doch mal ein Zimmer gönnen sollten. Im Aufenthaltsbereich ist es kuschelig warm, es gibt eine schöne Küche und der Raum, der eigentlich für 4 Leute ist, ist mit Tatamimatten ausgelegt und sieht sehr einladend aus. Mit 54 Euro liegt der Preis für Japan ja sowieso im Budgetbereich. Ich hinterlege sogleich das Schlüsselpfand und befreie dann Molle aus dem Café. Angesichts des Eiswindes freut auch er sich über die Entscheidung, als wir gemütlich im Tatamibereich das Hostels unsere Nudeln und selbstgekochten Mapodofu verschlingen. Mit Erika zusammen lehren wir noch eine Flasche Rotwein und plappern über dies und das. Es wird ein gemütlicher Abend, wie er es heute im Zelt sicher nicht geworden wäre. Nicht allzu spät rollen wir die Futons aus und kriechen unter die dicken, kuscheligen Decken, um unseren Schlaf nachzuholen.

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