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Seidenstraße adé

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13.09.2009 (k) – Balikun – Hami: 147km, 900Hm Mit höchster Disziplin befreien wir uns um 6.30 Uhr aus den Zwängen der Stahlfederung des Hotelbetts. Routineablauf… und um kurz nach 7.00 Uhr rollen wir über den Hof des Balikun-Hotels zur Straße. Auf einem Platz ertönt schon lautstark Dingeldangelmusik, zu welcher ca. 50 Frauen eine bestimmte Gymnastikchoreographie zelebrieren. Manche von ihnen schon in voller Arbeitsmontur mit Kochmütze. Ansonsten ist es aber noch extrem ruhig, als wir der aufgehenden Sonne entgegen auf die Hauptstraße hinausgleiten. So wie es in die Stadt hineinging (von landwirtschaftlicher Arbeit geprägte Dörfer) geht es auch wieder hinaus. Die Straße ist einmal mehr schnurgerade in die Ebene gelegt, es herrscht noch kein Wind, es fährt sich gut, doch es ist sehr kalt. Mein Taschenmesser zeigt – als ich es nach ca. 1 Stunde endlich wissen will – zehn Grad. Doch das Messer war in der Tasche! Eigentlich etwas zu spät – nämlich mit Beginn des Anstiegs – ziehen wir unsere dicken Jacken an, Molle packt sogar die Handschuhe aus. Die Sonne gewinnt den Kampf gegen die sie umgebenden Wolken noch nicht, doch der zunehmende Steigungsgrad der Straße lässt uns bald schwitzen und wir schälen uns nach und nach aus allem wieder heraus. Da es der Wind heute wieder gut mit uns meint, sind wir nach 65 zügigen Kilometern bereits an der Stelle, an der es ein Jurtencamp zum Übernachten gibt. Wir hatten diese Option überlegt, falls es zu hart würde, aber es ist gerade mal 11.30 Uhr und wir trauen uns die gesamte Strecke nach Hami heute schon noch zu, zumal es ja ca. 70km am Ende bergab gehen soll. Da die Steigung nicht sehr stark ist wird uns auch bald klar, dass der mit 2700m in der Karte eingezeichnete Pass unmöglich so hoch sein kann – bei 2250m ist Ende und wir machen ein Mittagspäuschen mit Kartoffelbrei, Gulaschbrühwürfel, Sauerkraut und Röstzwiebeln aus Wien. Gar nicht übel – und darüber hinaus wieder 1,5kg leichter! Im Anschluss beginnt eine rasante Abfahrt durch ein enges Tal, das auch in der Schweiz stehen könnte. Kam ich mir heute bisher sehr zwiegespalten vor (Blick nach rechts: Schweiz; Blick nach links: Atacama und Sandwüste è lustig, wie man immer vergleicht!) dominieren jetzt Felsen, ein Bergfluss und Nadelwald das Landschaftsbild. Das Verkehrsaufkommen heute ist wieder etwas höher, doch durch einige Baustellen in der Schlucht werden die Autos immer einseitig angehalten, was uns ermöglicht an allen vorbei zu brausen und weite Teile alleine zu fahren, bis uns wieder alle eingeholt haben. Am Ende mündet die Schlucht wieder direkt zurück in eine trockene Staublandschaft; in der Ferne sieht man hinter uns die weißen Kappen einiger höherer Berge, vor uns liegt ein kräftiger Gegenanstieg, an dem wir uns das Duell mit den schwerstbeladenen LKWs liefern. Die letzten 40km spült uns die Straße hinaus aus der kargen Landschaft hinein in eine große, durch Bewässerung fruchtbar gemachte Weite. 1500m hinab bis in die Millionenstadt Hami. Weinreben säumen den Weg in die Stadt hinein. Die Straße bringt uns ohne Probleme bis ins Zentrum. Kurz vor der Stadt erwischt uns der erste Platten: Molles Hinterrad. Beim Weiterfahren bemerkt Molle einen Höhenschlag. Wir hoffen, dass der Schlauch nicht richtig eingebaut ist, doch später im Hotel stellen wir fest, dass es sich leider wirklich um einen Höhenschlag handelt. Irgendwie muss die Felge bei der etwas unruhigen Abfahrt durch die Schlucht in Mitleidenschaft gezogen worden sein. Blöd. Gerade mal 6 Etappen gefahren und schon ein Problem am Fahrrad. Wir werden mal abwarten, bis wir hoffentlich in der nächsten Provinz mal Internet bekommen und dann unseren Lieblingsmechaniker (Richi!!) um online-Rat fragen. In Hami wählen wir das zweite Hotel, das wir ansehen für unseren Aufenthalt aus. Es ist zwar gut 10 Euro teurer als die vergangenen Tage, doch es macht einen sehr guten Eindruck und wir haben keine Lust, noch länger in der Hitze und ohne irgendwelche Informationen herumzusuchen. Dann essen wir in einem vollgestopften kleinen Straßenlokal je einen leckeren auf Gasflammen gekochten heißen Topf gefüllt mit verschiedenen Fleischstücken, Gemüse und Glasnudeln sowie Tofu. Der erste zusammenhängende Abschnitt entlang der Seidenstraße ist damit schon abgeschlossen. Bis auf die zweite Etappe, auf der wir von gefühlten 1000 LKWs überholt wurden haben uns die Etappen sehr gut gefallen. Wir haben das Gefühl, dass die Menschen hier recht gelassen sind. In den Städten herrscht ein geschäftiges, aber kein hektisches Treiben; überall wo wir auftauchten wurden wir mit einem Lachen und ein paar freundlichen Worten begrüßt, man bemühte sich immer, uns weiterzuhelfen und nie hatten wir irgendein unangenehmes oder unsicheres Gefühl. Mit meinen Chinesischkenntnissen komme ich soweit gut voran, doch irgendwie bin ich auch etwas enttäuscht, dass ich relativ wenig verstehe. Also mein Chinesisch muss super sein, denn man versteht mich und es kommt sofort so ein großer Redeschwall und Fragenkatalog zurück, dass ich mir dann schnell wie ein kleiner Idiot vorkomme, der doch nur wieder sagen kann: wo ting bu dong …ich versteh nicht so gut! Im Grunde muss ich aber wohl zufrieden sein und vielleicht einfach noch ein paar mehr Wörter lernen. Außerdem: es liegt bestimmt an dem extremen Dialekt hier;-))


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