Es war schon lange mal unsere Idee, mit weniger Gepäck zu reisen. Bikepacking liegt ja im Trend und so verschlankten wir unser Setting nochmals. Dazu Gravelbikes mit richtig fetten Schlappen – damit sollen sogar schottrige Alpenpässe drin sein. Ob das wirklich geht und auch ohne Federung Freude bereitet? Ums kurz zu machen: Yes!

Von der Haustüre weg strampeln wir zunächst aufs Oberjoch, wo das Dorffest gerade recht kommt. Als Vorschusslorbeeren gibt’s noch ein paar fettige Kohlenhydrate. Wie sagte meine Oma immer: „Denn ab jetzt ist der Schmalhans Küchenmeister.“ Damit wollte sie uns immer weißmachen, dass man auf Reisen nichts „Vernünftiges“ zu essen bekommt. Wer diesen Blog ein bisschen liest, weiß, dass wir diese Weisheit unterdessen eindrücklich widerlegen konnten.

Obwohl wir diesen Teil der Route schon oft gefahren sind – liegt ja quasi vor der Haustüre – ist der Abschnitt durchs Thannheimer Tal (Baden im Haldensee nicht vergessen!), den Gaichtpass hinunter (nicht auf der Hauptstraße) und hoch zum Fernpass (Römerstraße nehmen) immer wieder ein Genuss.

Auch den weiteren Streckenverlauf bis zum Reschenpass kennen wir aus dem FF, doch mit den neuen Bikes und dem motivierenden Ziel vor Augen, ist die Stimmung gut und es läuft. Am Reschenpass und am Folgetag haben wir noch mit Gewittern und Regen zu kämpfen, auch ist es abends noch mal ungemütlich kalt.

Doch spätestens, als wir uns aus dem Val Müstair einige Kilometer hinter Tschierv durchs Val da Funtaunas und weiter ins Val Mora aufschwingen, ist der Sommerurlaub nicht mehr zu stoppen! Ganz abgesehen davon, dass die Landschaft hier unglaublich großes Kino ist! Unsere „Gravelitos“, wie wir sie von nun an liebevoll nennen, zeigen ihre ganze Klasse und lassen uns auch wirklich grobes Gelände genussvoll bewältigen.

Bei Katrins Tante Sigrid haben wir uns schon für ein italienisches Abendessen und einen Pausetag angekündigt und so können wir – mit dem Apéro vor Augen – die Fahrt an den Lagi di Fraele entlang, weiter über die Decauville (Traumstraße dieser Welt!) und steil hinunter nach Semogo so richtig genießen. Ist aber auch verdammt schön!

Bestens erholt und ebenso kulinarisch versorgt müssen wir uns zu Beginn des nächsten Abschnittes erst mal in die Autoschlange Richtung Passo di Foscagno einreihen. Gott, sind Autos nervig! Kurz vor Arnoga auf diesen Schreck einen Cappu und dann geht’s freudestrahlend ins Val Viola, ziemlich bald dann autofrei. Ab hier verläuft steil – Verzeihung für den flachen Reim – aber geil die Route zum Passo Verva. Grandios!

Als Freunde der Pass-Anfahrten habenn wir ursprünglich im Anschluss den Passo Mortirolo auf dem Programm. Das wäre aber direkt nach dem nicht gerade einfach zu fahrenden Passo di Verva eine zumindest anspruchsvolle Aufgabe. An einem Tag für uns eh gar nicht machbar. Bei Tante Sigrid haben wir aber erfahren, dass es ab Grosio einen Radweg bis zum Comersee geben soll. Als wir diesen dann tatsächlich antreffen, lassen wir den Mortirolo für dieses Mal endgültig Mortirolo sein und nehmen die gut 70 km noch am Nachmittag unter die Reifen. Der Wind steht gut und es geht vorwiegend bergab. Mit Einbruch der Dunkelheit ergattern wir praktisch das letzte freie Fleckchen auf einem Campingplatz in Laghetto und hüpfen noch schnell in den Lago di Como. Nice!

Eine kleine Pizzeria um die Ecke und die Bar 100 m weiter runden den perfekten Radltag ab. So kann es weitergehen. Und: Das geht es auch!

Gar nicht mal hässlich und sogar relativ verkehrsarm düsen wir tags darauf am Comersee entlang, erstaml bis Varenna. Hier beschließen wir, mit der Fähre nach Loppia überzusetzen. Wir erhoffen uns hier weniger Autoverkehr bis Como. Und so eingermaßen geht die Rechnung auf. Como ist dann übel! Völligst überlaufen, zudem ist es schwülwarm und ein Gewitter steht an.

Von hier gibt’s daher auch keine Bilder, wir müssen nämlich den Zug nach Varese erwischen und noch am Lago di Varese entlang bis zum Lago di Monante. Hier gibt es einen hippen Campinplatz, der so hipp ist, dass gleich ganz hippe Preise bezahlt werden müssen. Na ja. Unsere Nachbarn schenken uns noch eine Ladung Tomate/Mozzarella, wir haben ein Dusche und eine ruhige Nacht. Mehr braucht‘ s oft gar nicht.

Weiter gehts am Fluss Ticino, der natürlichen Grenze zwischen Piemont und Lombardei. Der einzige Campingplatz unterwegs spricht uns nicht an und so rollen wir weiter bis Novara. Der Tag neigt sich dem Ende und wir wissen noch nicht so wirklich, wo wir bleiben sollen.

Das Handy spuckt dann doch noch ein B&B mit Campingmöglichkeit in Palestro aus – La Torre Merlata. Das bringt uns zwar nochmals 15 schnurgerade Extrakilometer ein, dafür aber auch ein tolles Erlebnis. Die Besitzer sind nicht zuhause, zum Glück sieht uns aber die Nachbarin und nach einem kurzen Telefonat dürfen wir im Garten zelten. Geduscht wird mit dem Eimer und schon sitzen wir beim Apéro. Radreisen at it’s best!

Am nächsten Morgen wähnen wir uns in Asien, links und rechts unserer Route: Reisfelder. Im Internet lesen wir, dass wir uns in der Lommellina befinden, DIE Reisanbau-Region der Poebene, weltberühmt! Wir sind mittendrin in Europas Reiskammer. In den 1950er-Jahren arbeiteten hier noch 280 000 Menschen auf den Reisfeldern, die z.B. den berühmten Arborio (ihn trifft man gern im Risotto) hervorbringen.
Bald ist aber Schluss mit flach und wir wühlen uns durch die Hügel des Langhe, der Region zwischen Poebene und ligurischen Alpen. Wunderschön, aber auch wunderheiß! Der trockene Wind bläst uns ins Gesicht, das Wasser geht zur Neige. Nie war eine kleine Bar willkommener, nie schmeckt das Lemonsoda und ein alkoholfreies Bier besser. Durst zu haben und ihn löschen zu können: Ein gigantisches Gefühl. Ist einem auch nicht immer klar…
Wir nächtigen im unpersönlichen Camping International in Agliano Terme – der Ort ist viel schöner, drum tauchen wir dort noch ins Bar-Leben ein und schlürfen ein Weißweinchen. Die Pizzeria im Unterdorf ist sehr touristisch – die Pizza liefert aber geschmacklich und energietechnisch alles, was wir nach der Hügelei benötigen.

Und wieder rein in Hügel. Schweißtreibend und lohnend zugleich. Eine wirklich famose Rad-Region. Mit Blick auf unser Fährticket nach Korsika kurbeln wir zielstrebig und schlagen uns bis zum Camping Tenuta Squaneto durch – komplett in holländischer Hand. Wir erschaudern ob der Preise und sehen uns gedanklich schon weiterfahren, da kommt die Meldung: Rad und Zelt? Sonderpreis! Feine Sache, ebenso wie das Fläschchen Rotwein aus der Region!

Weiter immer weiter, sonderbare Gestalten am Wegesrand und schon ist die Küste mit Savona im Blick: Korsika wir kommen!

Dann, das Meer! Der lang ersehnte Dip ins kühle Salzige. Zwar noch nicht Korsika, aber dennoch wunderbar. Warum das „Mare“ immer wieder so anziehend und dann doch, ob der vielen Touristen, der Preise, der Autos, gleichzeitig wieder so nervig ist – ein ewiges Faszinosum.

Am Fährhafen von Savona treffen wir Freunde von uns, mit ihnen setzen wir über und verbringen die ersten paar Tage auf der Insel, bevor sich unsere Wege wieder trennen. Glücklicherweise haben Ralf&Billy ein großes Auto und können uns, nachdem wir Bastia bei Dunkelheit erreicht haben, noch über den großen Pass zum Campingplatz A Stella in Marina di Farinole mitnehmen. Wie viele Plätze auf Korsika: Traumhaft am Meer gelegen, den Besitzern ist aber wohl mehr nach Geldscheffeln, als nach „Sanitäranlagen“ in Ordnung halten. Nun ja, wir sind ja nicht zum Duschen hier ;)

Da Ralf,Billy und Kinder mit Auto unterwegs sind, ist ihre Reisegeschwidigkeit natürlich ungeleich höher, sie wollen außerdem viel von der Insel sehen. Wir sind ja schon das zweite Mal hier, daher bleiben wir im Norden und erkunden dort Strände und das Hinterland. Hier ein paar Impressionen mit massenhaft Argumenten für einen Besuch Korsikas.

Nach ein paar Tagen ist es Zeit, Korsika wieder einmal „Au revoir!“ zu sagen. Wir planen, ein Stückchen entlang der Küste nach Norden bis Albo zu fahren und von dort über den Bocca di Giuvanni nach Sisco zu queren. Dadurch müssen wir nicht den gesamten „Finger“ von Korsika ausfahren. Toller Plan soweit! Kurz hinter Nonza (und gleich nach dem morgendlichen Kaffee) zweigt eine schmale Straße nach rechts ab. Ein Blick aufs GPS…ja, der Weg geht durch und landet irgendwo im Hinterland auf der Straße zum Pass. Auf dieser Tour haben wir schon viele Höhenmeter gesammelt und so fühlen wir uns bereit, diesen Shortcut zu nehmen. Nach wenigen Höhenmetern und mit von Dornen aufgerissenen Beinen, sieht das dann allerdings so aus.

Umkehren? Nein, jetzt sind wir schon so weit und es wird gleich besser…ähm…nein! Wir hieven die Räder über Felsbrocken und Äste, laden das Gepäck ab und laufen viele Strecken zweimal…es ist super heiß und wir sind wirklich der Erschöpfung nahe.

Okay, der Pass kann nix dafür, aber hat uns massiv Kraft und Willen gekostet. Total irrsinnig, wenn man sich die Bilder ansieht, aber im Nachhinein auch ganz gut, dass man merkt, dass man doch mehr schaffen kann, als man denkt.

Ab jetzt gehts aber erst mal runter. Im Grunde richtig, aber fahren kann man das halt nicht!

Immer weiter gehts ins Tal und letztlich landen wir tatsächlich wie geplant in Ferragini. Auf der Hauptstraße wären es ab Nonza etwa zwölf Kilometer und gut 100 Höhenmeter gewesen. Über den Bocca Violu waren es kraftraubende vier Stunden. Und der Witz: Der eigentliche Passanstieg beginnt erst. Plus: Wir haben kein Wasser mehr. In Ferragini gibt glücklicherweise einen Brunnen, an dem wir erst uns und dann die Flaschen auffüllen. Wäre der nicht gewesen, wir hätten direkt wieder zum Campinplatz zurückfahren können.

Wir kurbeln steil weiter und landen an der Passstraße. Ja gut! Schotter der etwas gröberen Art. Es ist immer noch fantastisch heiß und es warten noch 900 Höhenmeter. In Worten: Neunhundert! Und zwar NACHDEM wir uns vorher bereits vier Stunden abgerackert haben. Umdrehen wollen wir aber irgendwie auch nicht und so beschließen wir, ganz bedächtig, Pedalumdrehung für Pedalumdrehung hochzukurbeln. Ein wahrlich harter Pass, aber möchte man das Erlebnis missen wollen? Eben…

Wir hoppeln die Abfahrt hinunter und unser Herz macht Saltos vor Freude. Wir rollen über Sisco praktisch direkt an den Strand – laden unterwegs zwei frische Riesenpizzen auf – und hüpfen nach dem Essen ins Meer. Der nahe Camping „A Casaiola“ ist ein Traum! Ein unglaublicher Radltag mit dem besten Ende, das man sich vorstellen kann!

Am nächsten Morgen bemerke ich einen Platten, den ich schnell flicken will. Dabei fällt mir auf, dass sich die kleinen Schrauben am Ausfallende gelöst haben, zwei fehlen bereits! Bei dem Gehoppel eigentlich kein Wunder, nur sein dürfte das natürlich nicht. Ersatzschrauben haben wir keine dabei. In Bastia schafft ein Fahrradladen glücklicherweise fürs erste Abhilfe.

Noch eine Campingnacht nahe Bastia und es geht zurück aufs Festland. Früh morgens rollen wir auf die Fähre, die uns nach Livorno bringen wird.

Für die nächsten Tage ist leider schon herbstliches Wetter angekündigt und bereits auf der Fähre gehts damit los.

Ein paar Tage wollen wir wir noch am Meer entlangrollen, bevor es über den Passo di Cisa nach Parma geht. So nah an Pisa? Da müssen wir nochmal kurz hinschauen!

Die Fahrt führt weiter durch Viareggio und Forte dei Marmi. Das GPS ermöglicht uns, die von uns so gefürchteten italienischen Straßen mit viel Autoverkehr weitestgehend zu meiden. Es macht Spaß, langsam unterwegs zu sein, auch wenn’s bisweilen sehr schmal wird.

In Italien halten wir immer gern Ausschau nach Restaurants abseits der Hauptrouten. Ein bisschen haben wir schon im Gespür, wo uns ein kulinarisches Highlight erwarten könnten und auch diesmal haben wir wieder Glück! Incredibile. Fantastico!

Bevor es in die Passanfahrt geht, müssen wir, wie so oft, erst mal ein Tal befahren. Hier gibt es erfahrungsgemäß wenig Alternativrouten und der Verkehr ist nervig. So genießen wir die Fahrt über Aulla bis Pontremoli nur bedingt. Zudem ist das Wetter schaueranfällig und in den Bergen wird es langsam kühl.

Bei der Passüberfahrt werden wir von Regenfronten verfolgt, können aber viele Angriffe durch heftiges Treten abwehren.

Erst im Tal bei Valmozzola beginnt es heftiger zu regenen. Wir stellen uns unter und wollen den Schauer abwarten. Aber es hört nicht mehr auf. Nehmen wir den Zug nach Parma? Nein, zu spät, kein Campingplatz. Also radeln wir durch den Regen zum Camping Arizona – viele Hügel weiter. Geht schon. Blitze zucken! Geht nicht. Auf einem Buchungsportal entdecke ich unweit unseres Standortes ein kleines Hotel in Sant’Andrea Bagni. Ich buche sofort online und wir begeben uns bei strömendem Regen noch mal auf eine halsbrecherische Fahrt auf die Hauptstraße. Es dämmert bereits! Für solche Fälle gibt es glaube ich Schutzengel! Das Hotel ist jedenfalls genial – ein sehr ordentliches Zimmer und abends ein Menu – im Preis inbegriffen. Italien pur!

Am nächsten Tag strahlt die Sonne und direkt hinter dem Haus warten ein paar traumhafte Kehren auf uns. Von Nebenstrecken und Abkürzungen haben wir noch immer nicht genug und so tauchen wir in die Hügel ein. Die Rechnung haben wir diesmal aber ohne den Lehmboden gemacht, der sich durch den vielen Regen sehr anhänglich zeigt. Herrje!

Irgendwann landen wir dann doch an der SS9 und können vor lauter LKW kaum die Straße überqueren, so dicht an dicht rollen die hier. Wenn man das nicht selbst gesehen hat, glaubt man es nicht! Wir schlagen uns über Nebenstrecken (danke, GPS!) bis Cremona durch. Hier endet die Tour auf den Bikes. Wir nehmen den Zug nach Verona, wo wir uns von vielen Italien-Reisen her schon so gut auskennen, dass es fast wie Heimkommen ist.

 

Eine unglaublich vielseitige, fordernde, genuß- und abwechslungsreiche Tour endet! Sie ist eine meiner aboluten Highlights, denn sie hatte alles, was das Radreisen ausmacht. Echte Werbung fürs Reisen auf zwei Rädern!