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This is not Spain – nor France

by admin
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„Tourist go home!“ – kaum hatten wir das kleine Fährboot, das uns von Pasai Donibane nach Pasai San Pedro hinübergebracht hatte, verlassen, prangten diese großen Lettern von der Hauswand. Na toll, kaum in Spanien und dann sowas! Der Gedanke war natürlich nicht ernst gemeint und vor allem waren wir ja tatsächlich noch nicht in Spanien. Zumindest, wenn man die Westeuropakarte mit der Brille eines Basken betrachtete.

San Sebastian, dessen „Outskirts“ wir mit Pasai San Pedro erreicht hatten, war bis zur Auflösung der Untergrundorganisation im Jahr 2018 eine Hochburg des Kampfes für ein unabhängiges Baskenland (Euskal Herria). Die Untergrundorganisation ETA ist allen nicht Millenials wohl noch ein Begriff aus den Nachrichten damals. (Euskadi ‚ta Askatasuna“ = Baskenland und Freiheit).

Die Banner von den Balkonen der Wohnblöcke, die dieses Baskenland anzeigten sollten uns allerdings noch bis Bilbao begleiten. Graffitis und Schmierereien mit eindeutiger Botschaft in abnehmender Anzahl auch. 

Baskisch (euskera) ist übrigens eine Sprache die angeblich (also laut einschlägiger, fundierter Internetrecherche ;-) mit keiner anderen Sprache auf der Welt genetisch verwandt ist. Wahnsinn! Gesprochen wird sie noch von von über 750.000 Menschen, davon über 700.000 auf der spanischen Seite des Baskenlandes. Weltweit sind es 1,2 Millionen Menschen, die Baskisch sprechen. 

Grundriss des Baskenlandes mit frz. Teilen

Bevor wir mit „tourist go home“ empfangen wurden, durften wir allerdings schon ein Highlight der Baskenrundfahrt erklimmen: den Scheißkübel. Naja, so haben wir uns zumindest den Namen gemerkt. Auf euskera heißt er Jaizkibel. Eine Erhebung, über die man wunderbar mit dem Fahrrad von Horribia nach San Sebastian kommt. 

Apropos San Sebastian. Die Stadt mag noch so links in ihren Ausliegern erscheinen, im Herzen ist sie doch mondän. Mit Kurhaus und Strandpromenade, edlen Boutiquen und altehrwürdigen Hotels. Wie beispielsweise dem Hotel Maria Christina, in dem seit 1912 in 136 Zimmer Luxus-Schlafen (ab 450 Euro pro Nacht) verkauft wird. Auch wir haben uns für unsere Verhältnisse mondän für zwei Nächte eingebucht, in die „Satori Suites“ im Stadtteil Antiguo (für 50 Euro pro Nacht). Genug Zeit für uns, mit den Rädern die Ecken, Hügel und Strände sowie natürlich die Bars, Cafés und Kneipen mit ihren sensationellen Pinxos zu entdecken. 

Das Baskenland und besonders San Sebastian ist für seine Kulinarik und seine hohe gastronomische Qualität berühmt. Da wir nicht so auf die Michelin-Küche stehen halten wir uns an die Thekenauslagen und werden hier genug verwöhnt.

Es ist Wochenende, kein Wunder, dass die Restaurants besonders voll sind und zu späterer Zeit die Kneipen ihre Gäste auf die Straße spülen wie ein Topf Nudelwasser, der überkocht. 

Wählt man im Baskenland kleine Straßen, hat man dafür eine große Steigung zu meistern. Manchmal längere Zeit über 20%! Uns war das von Anfang an bewusst und so war die Devise für die gesamte Zeit an der nordspanischen Küste stets: Weniger ist mehr. Möglichst kurze Etappen und möglichst viel genießen. Das gelang uns auch bestens, die Bilder sprechen für sich:

Zarautz – Mutriku – Sukkarieta – Sopela (bei Bilbao) waren die ersten Stationen, die man in wenigen Stichpunkten so beschreiben kann:

  • atemberaubend schön
  • atemberaubend steil
  • Campinplätze geöffnet

Auf der Weiterfahrt hinter Zarautz, in den grünen Hügeln zwischen kauenden Kühen und klaffender Küste höre ich zum ersten Mal diesen Gruß, den ein Familienvater, der gerade seinen VW-Bus abstellt, um mit seinen Kindern hinunter zum Meer zu wandern: „Bon Camino!“ Ich verstehe im ersten Moment nicht, was er meint, doch der Groschen fällt kurz später. Wir befinden uns auf dem Jakobsweg, genauer gesagt auf dem „Camino del Norte“.

Wer hier mit einem großen Rucksack und einem außen baumelnden Emaille- oder Edelstahl-Trinkgefäß gerumfuselt oder eben wohl mit einem bepackten Rad beschwingt die 18%igen Steigungen hinauftritt, der kann nur ein Pilger sein. Immer wieder wird uns dieser Gruß in den nächsten Wochen zugerufen und es macht richtig Freude. Je näher wir an Santiago herankommen, desto mehr fühlen wir uns wie echte Caministi (naja, wie Peregrinos allerdings nicht).

Unsere Route führte uns über Gernika (Guernica y Luno). Ein Ort mit trauriger Berühmtheit, vor allem auch aus deutscher Sicht. Unvorstellbar, dass die deutschen Nazis hier zusammen mit ihren italienischen Faschisten-Freunden an der Seite des ebensolchen Francos während des spanischen Bürgerkriegs im April 1937 einen Luftangriff mit ca. 60 Flugzeugen auf das baskische Städtchen verübt haben. Die schutzlose Stadt war ein symbolträchtiger Ort – alle kastilischen Könige des 14. – 16. Jahrhunderts mussten nach ihrer Machtübernahme nach Gernika reisen, um einen Eid auf die Wahrung der baskischen Freiheitsrechte zu leisten. Die Eiche von Gernika, unter der die Könige ihren Eid schwören mussten, ist bekannt als Baum von Gernika. Ein Freiheitssymbol der Basken.

Dass aber die Bomben auf Gernika fielen, hat also vielleicht damit zu tun, dass der Ort ein Symbol für die Freiheit der Basken war, aber auch mit der Tatsache, dass es nicht gelang, Bilbao einzunehmen. Nach heutiger Sicht geht man von ca. 2000 zivilen Opfern aus. Falschmeldungen und Fehldarstellungen (unter an derem in der Propaganda Goebbels) kursierten nach dem Angriff genauso wie es heute noch Kriegsstrategie ist – siehe Ukraine. Ein paar Tage nach dem Angriff konnten Francos Truppen die Stadt widerstandslos einnehmen. Die Perfidie dieses und weiterer Angriffe auf die Zivilbevölkerung zeigt sich unter anderem darin, dass die Deutschen diesen Angriff als Testlauf durchgeführt hatten. Hermann Göhring sagte in den Nürnberger Prozessen, der Einsatz der Wehrmacht habe Übungszwecken gedient. Es sollte unter realistischen Bedingungen ausprobiert werden, ob das Material, das man produziert hatte, auch funktioniert. Ein bisschen Ausprobieren, wie das großflächige Bombardieren von Zivilbevölkerung so klappt – konnte man ja dann später für Polen gebrauchen! Der spanische Bürgerkrieg als riesiger Truppenübungsplatz. –

Pablo Picassos Bild Guernica zeigt die Schrecken des Angriffs im Großformat und steht symbolisch als Anti-Kriegs-Bild.

80% der Gebäude waren zerstört- und was sollen wir sagen? Heute erfreut sich Gernika eines lebhaften Stadtzentrums und vor lauter quirligen Cafés oder besser Cafés voller quirliger Menschen wissen wir schon kaum wieder, wo wir uns niederlassen sollen. In welchen Zeitdimensionen denken Herrscher, die Kriege führen? Dass es für die Ewigkeit ist, wenn man Menschenleben zerstört, seinem Machtstreben nachgibt oder andere Gebiete erobert? Nichts ist für die Ewigkeit, ein bisschen mehr Weitblick täte ihnen gut. Aber dann handelten sie nicht so.
Wir entscheiden uns also für die Taberna Auzokoa in der Pablo Picasso kalea. Unweit des Friedesmuseums mit Friedensforschungszentrum. Drei Herren in den 70ern scheinen das Cáfe zu betreiben. Mit einer Freude und einem Enthusiasmus, der seinesgleichen sucht. So etwas, beschließt Molle, will er später auch mal machen. Und es gibt hier die originellsten Pinxos, die wir bisher hatten. Oder überhaupt. Mit Ziegenkäse und Erdnüssen. Unter anderem.

In Gernika auf dem Marktplatz trafen wir noch einmal Florian und Victor. Radreisende Jungs, die wir tags zuvor schon unterwegs gesehen hatten. Sie fuhren gerade am Jakobsweg entlang seit kurzem zusammen. Wir tauschten Nummern aus und hielten anschließend ein wenig Kontakt. Auch ihr Ziel war Portugal. 

Für uns ging es noch wellige 10 km nach Norden zum Campingplatz Portuondo. Ein nobles Teil – seht selbst, was heutzutage ein Camping-Bungalow ist (wir waren im Zelt, eh klar!):

Mit dem Million-Dollar-Blick auf den Fluss munduaka und das fjordartige Biosphärenreservat genossen wir Gläser von Rioja und aßen anschließend ein ganzes Brathuhn vom Selbstbedienungsrestaurant – nicht, dass das alles zu sehr Glamping wird, hier!

Das Baskenland ist bekannt als Surfer-Paradies. Ich würde es aber ebenso als Radler-Paradies bezeichnen. Für die Radfahrer wird in- und außerhalb der Städte extrem viel gemacht. Extra Straßen, Markierungen, an Farbe wird nicht gespart, extra Befugnisse und tolle, getrennte Wege. Wenn eine Route auf einer größeren Straße verläuft, dann Hinweisschilder, dass gefälligst mit 1,5 m überholt werden muss, und das tun eigentlich auch alle. Die weitere Route entlang der Küste – oder auch mal über einen Hügel im Hinterland – bis Bilbao wunderschön. Wer die Serie „Game of throns“ gesehen hat, wird vielleicht das Inselchen Gaztelugatxe als Drehort wiedererkennen. Ich nicht, aber ich fand es von oben auch so ganz reizvoll. Mit den spanischen Touristen zum ausgewiesenen Mirador spazieren, dass mussten wir freilich nicht. Auf dem Rad ist man ja eigentlich permanent in einer Mirador-Situation. Und viel länger!

Vor Bilbao campten wir in Sopela auf dem stadtnächsten Campingplatz. Am nächsten Morgen genossen wir dann eine sonntägliche Stadteinfahrt sondergleichen. Fast alles Radweg, super entspannt und gemütlich.

Die Schwebefähre bei Portugalete lag zufälligerweise auf unserem Weg – ein extra Touristenziel für Bilbao, das hatten wir also gleich im Kasten.

Das Hotel Gran Bilbao warb mit besonderer Fahrradfreundlichkeit und so hatten wir uns für eine Nacht eingebucht, nutzten Fahrradkeller und Waschanlage, aber stellten wiederum fest, dass ein 4 Sterne Hotel „nicht so unseres“ ist.

Für die Stadterkundung war es aber eine gute Basis, und darum ging es ja vorrangig. Bis zum „late check-out“ um 15 Uhr am nächsten Tag blieb uns also genug Zeit, für Guggenheimmuseum und Co. Was man aus einer dreckigen Industriestadt so alles machen kann – verrückt. Und toll zu sehen. Die Arbeit ist noch lange nicht vorbei, es liegen noch viele Flächen brach bzw. stehen darauf alte Fabrikgebäude und zerfallene Häuser. In den nächsten Jahren entstehen hier dann aber vermutlicherweise teure Wohnanlagen. Mal sehen, wohin die Reise für Bilbao geht.

Für uns ging sie noch einmal zurück zum Campingplatz in Sopela. Mittlerweile war es leider so, dass immer mehr Campingplätze bereits ihre Tore für den Winter verrammelt hatten und man genauer schauen musste, wo man als nächstes übernachten konnte, wollte man nicht wild stehen.

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