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Mare statt Monti

von admin
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Zum vierten Mal innerhalb einer Woche kommen wir nun vorbei am Aussichtspunkt auf der kleinen Strada Provinciale 18, an dem auf der linken Seite des Parkplatzes immer ein grüner, auf der rechten ein roter „Sardinia-Street-Food“-Wagen stand und die hungrigen Motorradfahrer oder durstigen Cabriolet-Kurver mit fettigen Burgern und dünnem Ichnusa-Bier versorgt hat. Heute scheint kein Street-Food-Tag zu sein, der Parkplatz ist leer und wir kennen den Ausblick bereits, so dass wir unsere Fahrt nach Norden fortsetzen. An den Rändern der Straßen auf Sardinien blühen viel weniger Wildblumen als auf Sizilien. Dafür steht Oleander an Oleander und alle strotzen gerade vor Blüten. Alle Varianten sind vorhanden:


Von Capo Ferrato geht es über einen kleinen Schotter-Sattel am Monte Ferru vorbei hinüber in das Mündungsgebiet von Rio Picocca und Rio Corte Pruna.

Wenn nicht Oleander am Wegesrand steht, dann sind es Kakteen. Sie sehen aus wie große Patschehände mit buntem Federschmuck an den Stummelfingern.

Auf schmalen Sträßchen entlang der Lagunen treten wir entspannt bis zum Camping Torres Salina, wie der Name sagt, direkt an einem Salinenbecken gelegen.

Flamingos waten geduldig durch das seichte Salzwasser oder warten einbeinig auf Nahrung. Spät am Abend versammeln sich die Flamingos in der Mitte des Beckens und fliegen für die Nacht davon. Wohin?

Im Café von San Priamo, wo wir am Nachmittag auf einen Cafè einschwenken, treffen wir auf einen Sarden und seine französische Frau. die gerade etwas gestresst von ihrem E-Bike-Ausflug auf den Pass Arcu’e Tidu und den Bergort Brucei zurückkommen. „Tant de motos!“, so ihr Fazit. Wir hatten die vielen Motorräder auch bereits bemerkt, sie sind ja auch nicht zu übersehen, geschweige denn zu überhören!

„Fahrt doch zuhause!“, denke ich mir manchmal, wenn ich auf Kennzeichen schaue, fast ausschließlich aus den Alpenländern, vorrangig der Schweiz, Deutschland und Österreich. Aber ich fahre ja auch nicht zuhause, von daher, so sehr sie mich stören, darf ich nicht ungerecht werden. Wir hatten das Thema ja schon: Motorräder auf Tour, mit Gepäck, fahren meist gemütlich und sind nicht laut. Aber viele sind hier einfach auch mit Rennmaschinen, die sie im Hänger hinter ihrem Wohnmobil (oder je nach Größe direkt im Bauch versteckt) auf die Insel bringen. Dann starten sie vom Camping Tagestouren und fahren all die schönen Pässe des Ostens ab, die aufgrund ihrer Kurven bei den Motorradfahrern so beliebt sind. Beliebt sind sie natürlich auch bei den Fahrradfahrern, aber leider – und das ist das Frustrierende – setzt sich mal wieder der durch, der stärker ist, der lauter schreit. Was kann ein flüsterleises Carbonrennrad oder ein gemächlicher Gepäckesel dem schon entgegensetzen? Man müsste schon eine kritische Masse an Fahrradfahrern erreichen, so dass es keinen Spaß mehr macht, Gas zu geben und die Knie am Boden schleifen zu lassen, weil einfach zu viele Räder zu überholen sind. Aber ja, träume ich? Genau andersrum ist es eben. Wir entscheiden, dass wir den Arcu’e Tidu morgen nicht fahren werden – hatten das eigentlich als Tagesausflug geplant, aber das Risiko ist uns zu hoch, in irgendeiner Rechtskurve in die Wand gemalmt zu werden, geschweige denn, dass es auch gar keinen Spaß macht, in dem Lärm zu radeln. Schade, denken wir, Sardinien hat sich doch gerade so angefühlt, also könne man entspannt vor sich hin radeln, ohne Müll, Schlaglöcher, abgebrochene oder blockierte Straßen und nun: alte, weiße Motorrad-Männer ;-) So folgen wir also am nächsten Tag der Küstenstraße nach Norden. Zu unserer Erleichterung ist sie recht wenig befahren, da bis auf eine Strecke von 10 km die neu ausgebaute SS125 den meisten Verkehr, vor allem LKWs, aber auch Motorräder, auffängt. Von der Küste sehen wir allerdings erst wieder am Ende des Tages etwas, denn die Straße verläuft einige Kilometer Inlands, das Gebiet rechts davon besteht aus Bergen und Flüssen, die nur mit Wanderwegen oder Pfaden erschlossen scheinen. Eine Schotterstrecke direkt am Meer entlang scheint zu existieren, ob sie aber militärisch ist und damit geschlossen oder einfach nicht ganz durchgängig konnten wir nicht herausfinden. Das Risiko da hineinzufahren, war uns zu hoch. Dieses Risiko ergibt sich auch einfach aus dem Gewitter-Risiko, das hier nach wie vor ab mittags stark zunimmt. Aus einem Telefonat, dem ich am Campingplatz „La Pineda“ (auf dem wir am Nachmittag ankommen) lausche, erfahre ich, dass man nun heute endlich mal an den Strand könne, nach all dem Unwetter und Starkregen und Sturm der letzten Tage. Scheint also, wir haben mit unserer Verzögerungstaktik im Süden mal wieder das Richtige gemacht!

Der Strand ist groß und sandig, das Meer frisch und wellig und der kleine Ort Bari Sardo nicht weit. Wenn das nicht schon genügend Gründe wären, einen Tag Pause (so kann man das zur Zeit ja fast nicht nennen, Pause von der Pause oder was?) einzulegen, dann haben wir noch einen: Das Restaurant ist sensationell. Nicht nur die Pizza, auch die Mini-Tintenfische oder der Seehecht am nächsten Tag überzeugen uns. Und Spritz gibt es hier auch in grün oder blau. Blau haben wir nicht getestet ;-)


Immer mehr kristallisiert sich heraus, dass es einfach keinen Sinn ergibt, irgendwo weiter ins Landesinnere zu stechen. Was wir eigentlich vorhatten. Die Küste ist die einzige Region mit einigermaßen sicherer Sonnen-Garantie. Oder sagen wir besser „Kein-Gewitter-Garantie“. Über den Bergen sieht man bereits schon in der Früh, wie sich Wolken zusammenrotten und wie eine regelrechte Challenge zu bestehen scheint: Wer baut den schönsten Amboss?


So folgen wir eben Sardinies Ostküste hinauf nach Norden und das ist ja nicht das Schlechteste, was man tun kann. Wir genießen Piniencamping und Strand bei Lotzorei, fahren eine Tagesrunde über Baunei, Tirei und Santa Maria Navarrese und entwerfen Ideen für die nächsten Tage.

Viel weiter lässt sich im Moment sowieso nicht planen. Ein Mittelmeertief hat die Region fest im Griff, auf dem Festland gibt es starken Regen und Überschwemmungen in Norditalien, von Manfred und Claudia, die wir in Agrigent getroffen hatten, bekommen wir die Nachricht, dass sie seit Tagen in Salerno im Siff abhängen. Also sind wir doch sehr zufrieden mit unserem Plan.
Der nächste Tag hält einen Radfahrer-Leckerbissen bereit. Über Urzulei steuern wir den Passo Genna Silana an. Die Anfahrt über die Nebenstrecke führt bereits durch äußerst pittoreske Landschaft.

Im Bergdorf Urzulei prangen überdimensionale Schwarz-Weiß-Malereien von den Wänden, die von der Geschichte des Ortes erzählen.

Vor der eigentlichen Passtraße SS 125 hatten wir aufgrund der erwähnten Motorradfahrer etwas Respekt, doch sie ist sehr gut ausgebaut und die Motorräder kommen immer in Schüben, so dass man mit Anhalten und Durchlassen schon viel entschärfen kann. Die Straße ist breit und oft mit Seitenstreifen, Kühe grasen auf der Hochebene.

Da wir für die über 1000 Höhenmeter sowieso bis mittags brauchen, können wir ziemlich unbehelligt die Passhöhe passieren und sogar die Ziegen haben Gelegenheit, die Seite zu wechseln, denn um die Mittagszeit sind die meisten Motorradfahrer irgendwo beim Essen.

Auf der Abfahrt hören wir, wie ein Guide seiner Motorradgruppe an einem Aussichtspunkt erklärt, dass es sich mit diesem Pass um die schönste und attraktivste Strecke Sardiniens handelt. Na da sind wir ja froh, dass wir diesen Teil der „Route 66 Sardiniens“ auch gefahren sind.

Kurz vor Dorgali liegt in den Hängen unweit von Cala Gonone der Agricamping „Nuraghe Mannu“. Wir haben uns für eine Übernachtung inklusive Abendmenü eingebucht und unsere Erwartungen werden nicht enttäuscht.

Acht kleine Gänge tischt das Team der Küche ab 20 Uhr für uns auf. Die reservierten Tische sind mit Namen beschriftet, die Abläufe sind jahrelang eingespielt. Gang für Gang wird der Reihe nach direkt auf die Teller geschöpft, von allem kann man Nachschlag bekommen, ein Sortiment an regionalen Digestifs rundet den Abend ab. Ich entscheide mich für den Wacholderschnaps. Nach Antipasti, Gemüse, Pasta-Talern, Schafsfleisch, Schweineleber, Spanferkel und Nachtisch die richtige Wahl.


Am nächsten Morgen steigen wir die in die wunderschöne kleine Cala di Fuili hinab.

200 Höhenmeter auf schattigem Wanderweg hinunter ans Ende der imposanten Schlucht des Riu Cadula Fuili. Wir sind früh genug, um die Bucht für uns allein zu haben, obwohl man sie auch fast mit dem Auto erreichen kann von Cala Ganone aus. Nur ein kletterndes Pärchen klebt bereits in der Wand.

Etwas später schlängen wir uns mit einer Ziegenherde zurück zur Straße von Cala Ganone

und kleben dann beinahe im Teer der Serpentinen hinauf zur SS 125. Die Sonne brennt erbarmungslos in den Osthang und wir brutzeln uns nach oben. Über Dorgali, Orosei und Irgoli strampeln wir durch einen heißen, sonnenausgesetztenTag bis in den schattigen Pinienwald des Campings Selema bei Santa Lucia.

Die Pfingstferien in Bayern und Baden Württemberg haben begonnen – der schöne Platz ist voller urlaubsfroher Menschen und Familien, die gerade erst angereist sind. Die Stimmung ist fröhlich, das Meer seicht und kinderfreundlich, so wie der feine, weiße Sand. Wir treffen auf Max aus der Nähe von München, der gerne radelt und die Region gut kennt und seine Frau Birgit, die sich nicht gerne bewegt. Wir fahren am nächsten Tag eine kleine Tour auf den wenig befahrenen St. Anna Pass bei Siniscola und nehmen Max mit. Tolle Auffahrt und genau richtig für eine Spritztour, bei der man am frühen Nachmittag wieder zurück ist. Eine Uhr ist eigentlich nicht nötig, man kann die Zeit auch am Schwärzegrad des Himmels ablesen.

Zeit für einen Cafè am Meer bleibt trotzdem noch.


Der letzte Abschnitt an der Ostküste bringt uns am nächsten Tag bis kurz vor Olbia.

Der Camping Tavolara liegt oberhalb des Meeres und bietet uns eine schattige Zeltwiese. Die kleine Bucht von Porto Taverna ist absolut malerisch. Karibischischer Sand mit türkisblauem Meer, dazu der Blick auf den imposanten Kalkklotz, die Insel „Tavolara“, die vier Kilometer vor der Küste liegt. Wirklich eine Traumbucht, die sich in jeden Karibik-Reise-Katalog schummeln könnte.

Den ursprünglichen Plan noch weiter über den Norden und dann zu einem Agricamping im Inneren zu fahren verwerfen wir am nächsten Morgen – mal wieder wegen der äußerst trüben Wetteraussichten. Die Fernsehnachrichten am nächsten Tag bestätigen unsere Entscheidung: Starkregen, Überschwemmungen, gesperrte Straßen, zerstörte Felder – das Ergebnis aktueller Regenfälle. Es sieht nicht gut aus für Sardiniens Wetter die nächsten Tage. Daher steigen wir in den Zug von Olbia nach Porto Torres. Wir schaffen es gerade noch, mit den ersten Regentropfen das Zelt auf dem Campingplatz 8 km nördlich aufzubauen und werden kurz später mit einem wunderschönen Regenbogen und Sonne-Grau-Farbenspiel belohnt. Der riesige Sandstrand hinter naturbelassenen Dünen erinnert an die Westküste Dänemarks.

Eine Sundowner ist nach dem Gewitterregen auch noch drin.

So Sardinien, wir sagen nun ciao fürs Erste – sicher kommen wir mal wieder. Wir müssen ja endlich mal ins Landesinnere. Mare und Monti heißt es doch eigentlich, und nicht Mare statt Monti! Aber jetzt bringt uns die Fähre am nächsten Abend (1. Juni) erstmal nach Toulon. Nein, nicht nach Barcelona – das war eine andere Idee ;-))

Die „Mega Express Five“ von Corsica und Sardinia Ferries bringt uns ruhig und sicher nach Südfrankreich. Als wir ablegen sehen wir Sardinien im Regen versinken, wir steuern auf ruhiger See der Abendsonne entgegen.

Das Schiff ist größtenteils mit Kabinen gefüllt, es gibt leider fast keine Plätze draußen an Deck. Der hintere Teil des Schiffes mit offenem Oberdeck, Bar und (leerem) Pool stinkt nach Abgasen und ist außerdem nicht überdacht. Dementsprechend sammeln sich alle, die aufs Meer schauen oder den Sonnenuntergang erspähen wollen auf ganz wenigen Quadratmetern unter lauter Schnulzenmusik und der grauen Glocke des Raucherbereichs.

Wir tigern immer wieder über das ganze Schiff, um einen möglichen Schlafplatz auszukundschaften, der ruhig ist und nicht nach Abgasen stinkt und nicht dem Inneren einer Klimaanlage gleicht. Vor der geschlossenen Tür der Spielothek und neben einem kaputten Getränkeautomaten werden wir fündig. Den weitläufigen Bereich vor dem ehemaligen Duty-Free-Shop teilen wir uns nur noch mit dem jungen Sarden, der als Gaukler sein Glück für den Sommer in Frankreich suchen wird. Auf Sardinien sei es sehr schwer für Leute wie ihn. Er fände keine Freunde. Die Menschen hätten kein Verständnis für seine Kunst. Er zeigt uns auf dem Smartphone ein Bild, das die Leute nicht verstehen würden: ein großes Mandala mit bunter Kreide auf den Asphalt von Cagliari gemalt – eine Friedensbotschaft mit dem Schriftzug „Maria“ in zigfacher Ausführung. Ich versuche zu erklären, dass vielleicht nicht jeder auf religiöse Symbole steht oder dass es auch auf mich etwas befremdlich, vielleicht etwas radikal wirke. Doch er meint, seine ganze Kunst sei voller spiritueller Symbole, es habe nichts mit Radikalität einer Religion zu tun. Und so sehen wir ihn auch, wie er am Abend sein indisches Tuch ausbreitet und eine Art muslimisch wirkendes Gebet Richtung Nordosten absendet, später im Mandala-Buch „Anti-Stress-Mandalas“ Bilder studiert, mit kleinen Stangen jongliert, sein Abendessen aus Toastbrot und Paste in drei Keramikschalen ritualisiert mit Stäbchen verzehrt und sich dann zum Schlafen auf seinen bunten Tüchern ausbreitet. Am nächsten Morgen setzt er – nach einem Esslöffel Schokoaufstrich – mit seiner selbst gebauten Musikbox mit Akkuschrauber-Akku mit einem lauten Hare-Krishna-Hare-Rama Song der Schnulzenmusik aus den Lautsprechern gekonnt und selbstbewusst etwas entgegen. Eine Französin bedankt sich für die stimmungsvolle Musik zur Begrüßung des Tages mit einem Lächeln und einem Lob „good music“. Ja, vielleicht stehen seine Chancen in Frankreich besser, Freunde oder zumindest Verständnis zu finden, für einen friedvollen Lebensstil abseits des Mainstreams und den künstlerischen Kampf für Love, Peace and Happyness sowie die Suche nach dem Sinn.
Wir hatten jedenfalls eine ruhige Nacht im Zelt vor der Spielothek und werfen uns entspannt in den Markt von Toulon.

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